Ein Ort zum Abladen und Auftanken
Im Deutschkurs sind die Frauen konzentriert bei der Sache. Biserka Nyagolova und Donka Peeva aus Bulgarien und Iwona Kuvowska aus Polen (v.li.) lernen die Namen der Körperteile – hilfreich bei der Versorgung der alten Menschen.Elisabeth Real
Wenn Donka Peeva schläft, behält sie ihre Turnschuhe an. "Meine Frau will nachts kochen", erklärt sie mit einem belustigten Glitzern in den Augen, das "R" unnachahmlich rollend. "Ihre Frau" heißt Ilse Kramer, ist 81 Jahre alt und dement, und Donka Peeva aus Bulgarien ist ihre Haushaltshilfe. 24 Stunden, Tag und Nacht. Auf Ilse Kramer und deren Partner Hans (die in Wirklichkeit anders heißen) lässt Donka trotz der vielen Arbeit nichts kommen. "Es macht Freude mit Ilse", sagt die 56-Jährige und fügt hinzu: "Aber wenn Hans kommt, bin ich froh." Die anderen vier Frauen im Raum nicken und lächeln. Biserka Nyagolova (52) aus Bulgarien, Dorata Klocek (44), Iwona Kuvowska (56) und Anna Okraszewska (58) aus Polen kennen das nur zu gut.
Treffen zum Austausch und zum Deutschlernen
Sie alle arbeiten im Raum Markdorf am Bodensee als Haushaltshilfen rund um die Uhr bei alten und kranken Menschen. Jeden Mittwoch treffen sie sich im Mehrgenerationenhaus in Markdorf, wo sie Deutsch lernen. Gerda Dilger von den "Caritas-Konferenzen Deutschlands – das Netzwerk von Ehrenamtlichen" macht die Treffen möglich: Sie hat das Projekt vor drei Jahren initiiert. Einmal im Monat trinken sie anschließend an den Deutschkurs Kaffee, essen Kuchen – und reden sich ihre alltäglichen Probleme von der Seele.
Sie sind Realistinnen, gestandene Frauen mit Berufsausbildung und Familie. Donka hat Elektrotechnikerin gelernt. Die Firma in Bulgarien ging pleite. Biserka war als Chemielaborantin tätig, bevor sie arbeitslos wurde. In Deutschland hat sie eine Ausbildung zur Pflegeassistentin gemacht und eine Zeit lang bei einem Pflegedienst in Berlin gearbeitet. Ihre Bilanz: "Nicht gut – du schaffst im Akkord. Hier habe ich Zeit für meine Frau." Anna hatte einen Laden in Polen, der der Konkurrenz der Supermärkte nicht standhielt. Alle haben erwachsene Kinder, die sie mit dem hier verdienten Geld unterstützen. Jammern will keine. "Wir sind froh, dass wir hier die Möglichkeit haben, zu arbeiten", fasst Donka zusammen.
Besuchsdienst bot erste Kontakte
Daumen hoch: Gerda Dilger übernimmt im Wechsel mit einer ehrenamtlichen Kollegin den Sprachunterricht und motiviert die Frauen mit Witz und Elan.Elisabeth Real
Als Mitglied im katholischen Besuchsdienst geht Gerda Dilger aus Bermatingen seit 20 Jahren ehrenamtlich zu alten und kranken Leuten. "Dort haben wir auch Haushaltshilfen aus Osteuropa angetroffen", erklärt die 62-Jährige. Schnell war klar: Diese Frauen (und manchmal auch Männer) haben kaum Kontakte außerhalb "ihrer" Familie. Viele scheinen müde, ausgepowert und überfordert, haben wenig Schlaf, kaum freie Zeit und können wenig Deutsch. Gerda Dilger wollte was tun.
"Damit die Frauen in der Familie nicht vereinsamen, damit sie sich gegenseitig kennenlernen, sich in ihrer Muttersprache austauschen und Deutsch lernen können - das war uns ein Herzensanliegen", beschreibt die Ehrenamtliche ihre Motivation. Für die Treffen wirbt Dilger direkt bei den Agenturen in der Gegend, die die Osteuropäerinnen – vornehmlich aus Polen und Bulgarien – vermitteln. Zusammen mit sechs ehrenamtlichen Frauen organisiert sie einen Abholfahrdienst, damit die Pflegehilfen zu den Treffen ins Mehrgenerationenhaus kommen können.
Nachmittage zu Achtsamkeit oder Sucht helfen im Alltag
Ab und zu komme es vor, dass die Frauen in ihren Pflegefamilien mit Alkohol und häuslicher Gewalt konfrontiert seien, so Gerda Dilger. Über den Austausch und das Deutschlernen hinaus gibt es deshalb Themennachmittage zu Achtsamkeit, Nähe und Distanz, häuslicher Gewalt, Schamgefühl oder Suchtkrankheiten. "Wir wollen die Frauen stärken und sie ermutigen, für sich einzustehen", so Dilger. Nach dem Motto "Wer pflegt, muss sich selber pflegen" konnten sie sich auch mal einen Nachmittag von einer Kosmetikerin verwöhnen lassen.