Digitalisierung muss den Menschen nutzen
Wir führen dieses Gespräch zu Beginn der Corona-Krise in einer Videokonferenz. Abstand halten ist angesagt. Distanz und Nähe spielen bei der Bewertung digitaler Kommunikation eine große Rolle. Wie nahe kann man einem Menschen sein, mit dem man "nur" chattet?
Dr. Joana Breidenbach ist Gründerin der Online-Spendenplattform betterplace.org und des Berliner Think-and-do-Tanks betterplace lab.Nils Hasenau
Breidenbach: Wenn wir die Kommunikation dem Medium anpassen, ist online ein enger Austausch möglich. Dann können wir sehr berührende und intime Begegnungen schaffen, weil wir sehr fokussiert sind auf die andere Person und nicht so viele Ablenkungen haben. Therapien laufen heute auch online und es gibt Situationen, in denen sich Ratsuchende in ihrem Umfeld sicherer fühlen und sich anders öffnen können als bei einem direkten Kontakt.
Welskop-Deffaa: Ich stelle fest, dass meine Kontakte innerhalb des Verbandes zu Menschen unmittelbarer sind, denen ich auf Twitter folge, und umgekehrt. Wir haben eine direkte Kommunikation und wissen voneinander. Das befördert auch die Arbeit in dem Team, das die Digitale Agenda der Caritas voranbringen soll. Wir spüren eine Aufbruchsstimmung, die darin sichtbar wird, dass es immer mehr Menschen im Verband als Gewinn ansehen, Projekte in wechselnden Formen der Zusammenarbeit zu bearbeiten und sich schneller über Hierarchie- und Verbandsebenen hinweg abzustimmen.
Breidenbach: Das Digitale ist eben nicht mehr aus dem Leben der Menschen wegzudenken. Das fordert den sozialen Sektor an vielen Punkten heraus. Wir müssen prüfen: Wo funktionieren digitale Angebote, die uns tolle Möglichkeiten entlang der sozialen Wertschöpfungskette bieten, und wo brauchen wir nach wie vor das Analoge?
Welskop-Deffaa: Ein gutes Beispiel hierfür ist unsere Online-Beratung, mit der wir Menschen ein hochwertiges Hilfeangebot machen können. Etwa denen, die auf dem Land mit ausgedünnter sozialer Infrastruktur zurechtkommen müssen. Das ist eine objektive Verbesserung der Situation.
Die Caritas hat im Jahr 2019 gefordert: "Sozial braucht digital". Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?
Eva M. Welskop-Deffaa ist Vorstand für Sozial- und Fachpolitik im Deutschen Caritasverband.Anke Jacobs
Welskop-Deffaa: Ich glaube, dass wir durch die Kampagne gelernt haben, die Chancen der Digitalisierung zu sehen, ohne dabei in eine Euphorie zu verfallen. Das gilt zum Beispiel für den Einsatz von Robotern in der Pflege. Die sollen nicht den menschlichen Kontakt verdrängen, sondern im Gegenteil: Wo Robotik die körperlich schwere und anstrengende Arbeit in der Altenpflege erleichtert, bleibt mehr Zeit für die menschliche Begegnung. Wenn Technik helfen kann, dass man alleine auf der Toilette zurechtkommt und keine fremde Person dabei braucht, respektiert das die Intimsphäre. Wichtig ist zugleich, diese Prozesse kritisch zu begleiten, denn der Einsatz von Robotik verleitet womöglich dazu, die Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger noch weiter zu verdichten. Die Effizienzgewinne dürfen nicht zulasten der Beschäftigten gehen.
Breidenbach: Das halte ich auch für einen zentralen Aspekt. Wir müssen uns fragen: Was ist die Intention bei den Systemen, die wir bauen? Geht es da um Effizienz, Profit und Wirtschaftlichkeit an erster Stelle oder um Lebensqualität, Menschlichkeit und andere Werte?
Welskop-Deffaa: Hier sehe ich eine wichtige Rolle für uns als Caritas. Wir müssen uns aktiv in digitale Entwicklungsvorhaben einmischen und deutlich machen, dass damit verbundene ethische Fragestellungen nicht erst nachgelagert zu behandeln sind. Ethics by design!
Die Spielregeln der Digitalisierung werden allerdings von einigen großen Konzernen bestimmt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Breidenbach: Mich beschäftigt die Abhängigkeit von den großen Kommunikationsplattformen, in die wir uns als Sozialsektor begeben. Wir machen das an vielen Stellen sehr naiv, wenn wir Daten an kommerziell getriebene Unternehmen geben. Deren erstes Ziel ist definitiv nicht, das Gemeinwohl zu stärken, sondern möglichst viele Werbeeinnahmen zu generieren. So wie Facebook, das Spendenaktionen anbietet, um die Bankdaten der User zu kriegen, denn die sind bei gemeinnützigen Themen eher bereit, solche sensiblen Daten einzugeben, als bei kommerziellen.